Es besteht die Gefahr, dass die Umfahrung Aarwangen, sollte sie tatsächlich gebaut werden, zum Präzedenzfall für ähnliche Erschliessungssituationen wird. Nimmt man die heutigen Argumente des Kantons für die Strasse als Maßstab, müssten in der Folge Dutzende von weiteren Dörfern vom Verkehr entlastet und entsprechend viele Strassen über die „grüne Wiese“ geplant werden.
Einen solchen Irrsinn im Namen des Wachstumsparadigmas können wir uns schlicht nicht mehr leisten. In Zeiten von Klimawandel und Artensterben müssen wir unsern Ressourcenverbrauch reduzieren – und davon ist die Mobilität nicht ausgenommen. Weniger ist immer noch genug, damit Menschen zufrienden sein können. Deshalb ist ein friedlicher Widerstand im Rahmen des Rechts auf freie Meinungsäusserung gerade in der aktuellen juristischen Phase enorm wichtig. Es braucht Menschen, die dafür einstehen, dass solche Megastrassenprojekte nicht in einem schleichenden Prozess zur Norm werden. Heute zeichnet sich eine Geschichte des Widerstandes ab, welche nicht abbricht:
18. September 2021
auf einem Acker von Bützberg tritt erstmals die Interessengemeinschaft Natur statt Beton mit einer Menschenkette auf dem Risenacher auf den Plan. Der Vorstand pflanzt eine Linde als Zeichen der Hoffnung.
7. Mai 2022
Sämi Jenzer, Landwirt und Co-Präsident des Vereins Natur statt Beton eröffnet den Bänkliweg. Sieben Bänkli aus hiesigem Holz wurden entlang dem geplanten Strassenverlauf aufgestellt. So kann man die wunderbare Natur in Ruhe auf sich einwirken lassen.
26. Januar 2023
Landwirte machen mit einer Protestaktion gegen die geplante Umfahrung Aarwangen mobil. Sie zeigten mit 70 Traktoren den Verlauf der geplanten Strasse auf, die mitten durch wertvolles Ackerland verläuft.
1.März 2023
Umweltfachleutefordern in einem Memorandum eine sofortige Sistierung des Strassenbauvorhabens, sowie eine offizielle Festlegung des Stellenwerts des Managementplans zum Smaragdgebiet von 2016.
19. Juni 2025
Umweltaktivisten besetzen den Spichigwald. – Zwei Tage später bewegt sich ein friedlicher Protestzug von der Langenthaler Stadtverwaltung bis ins Bützbergtäli.
29. August 25
die Mahnwache Smaragd startet in Langenthal, welche jeweils am letzten Freitagabend des Monats stattfindet.
Nicht zu vergessen: Es kamen zwei Referenden zustande (Volksabstimmungen: 21. Mai 2017 zum Projektierungskredit und 12.03.23 zum. Baukredit für die Verkehrssanierung Aarwangen). Nach erfolgter Planauflage sind 171 Einsprachen, grösstenteils von Privatpersonen aus den Gemeinden Aarwangen und Thunstetten eingegangen. In vielen Einsprachen wurden ökologische Bedenken vorgebracht. Aus den Einsprachen entstanden 19 Beschwerden, u.a. durch ProNatura, WWF und Stiftung Landschaftsschutz. Aktuell sind 9 Beschwerden ans Verwaltungsgericht Kanton Bern weitergezogen worden. Damit rückt der Baubeginn in weite Ferne, d.h., man rechnet mit einer Verfahrensdauer von über 3 Jahren. Bis dann ist der Strassenplan nicht rechtskräftig. Gerade deshalb stehen wir hin, um der Natur eine Stimme zu geben. Seitens der Regierung rechnet man ab 2029 mit einem Beginn der Bauvorbereitungen (Ausführungsprojektierung, Ausschreibungen, Landerwerb etc.). Der eigentliche Bau der Umfahrung würden jedoch weitere 5 Jahre in Anspruch nehmen.
Die demokratische Legitimation besteht darin, dass das Stimmvolk im März 2023 über die Finanzierung des Projekts «Verkehrssanierung Aarwangen» beschlossen hat, nicht aber über seine Rechtsmässigkeit. Nun geht es in der Rechtsphase darum, dass das Gericht als unabhängige Instanz klärt, ob der Kanton die Interessenabwägung in genügendem Masse vorgenommen hat. Insbesondere wird zu begutachten sein, welche Verpflichtungen sich aus der Berner Konvention für das Smaragdgebiet ergeben.